|
Stefan Zweigs Werk Marcel Reich-Ranicki in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Von Marcel Reich-Ranicki Er war ein ungewöhnlich fleißiger, fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller. Er schrieb Dramen, Gedichte, Novellen, Romane, Legenden, Essays, Reportagen, Erinnerungen, Tagebücher. Und er übersetzte Baudelaire, Verlaine, Verhaeren und andere. Seine Bücher erschienen auf dem ganzen Erdball, jedenfalls in allen zivilisierten Ländern. Seine Auflagen waren nahezu überall sehr hoch. Doch schon in den zwanziger Jahren, als gerade seine erfolgreichsten Bücher veröffentlicht wurden, begann man vorauszusagen, dass die Zeit Stefan Zweigs bald vorbei sein werde. Was war denn die Ursache dieser düsteren Prophezeiungen? Etwa Neid? Bei dieser Gelegenheit: Der Neid ist in der literarischen Branche enorm, zumal dann, wenn die Autoren glauben, dass der Erfolg ihrer Kollegen nicht von einem entsprechenden Talent gedeckt wird. Sie sprechen dann gern von Eintagsfliegen. Inzwischen sind seit Zweigs Tod - er starb 1942 in Brasilien von eigener Hand - viele Jahre vergangen, und wir wissen genau, dass seine Bücher eben keine Eintagsfliegen waren. Zwar werden sie von der Kritik nach wie vor beinahe ignoriert, finden aber immer wieder neue, oft begeisterte Leser. Zweig strebte - wie er selber ausdrücklich betonte - zwei große Werkreihen an. Die eine, betitelt "Die Baumeister der Welt", ist vorwiegend essayistisch, bemüht sich um eine "Typologie des Geistes", die andere, eine vorwiegend epische Reihe, will die "Typologie des Gefühls" formen. Mit der Zeit gehen diese Werkreihen und Elemente ineinander über. In einem der schönsten Bücher Zweigs, in den historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" aus dem Jahre 1928, sind die einzelnen Miniaturen Essays und zugleich Novellen. Später hat er den ihn interessierenden oder ihn gar faszinierenden Figuren jeweils ganze Bücher gewidmet. Er publizierte Monographien über "Fouché", "Marie Antoinette", "Erasmus von Rotterdam", "Maria Stuart" und andere. Das geistige Fundament beider Zyklen ist die Tiefenpsychologie. Ohne den sehr starken Einfluss Sigmund Freuds wäre Stefan Zweig ein ganz anderer Schriftsteller geworden. Interessant, dass er nur an den frühen Schriften Freuds interessiert war, die sich mit der Psyche des Individuums beschäftigen. Zweig hat Phantasie und Intelligenz mit einer gewissen Naivität verbunden. Er glaubte, dass die Porträts außerordentlicher Persönlichkeiten zusammen ein Bild der Epoche ergeben und schließlich sogar ein Bild der Menschheit. Die Weltgeschichte ist bei Stefan Zweig eine Kette psychologischer Rätsel. Wichtiger als die Problematik der Französischen Revolution (in der "Marie Antoinette") ist die sexuelle Impotenz Ludwigs XVI. und die daraus resultierenden Leiden seiner unglücklichen Gattin. Napoleons Niederlage bei Waterloo war die Folge einer falschen Entscheidung des Marschalls Grouchy, und diese falsche Entscheidung hatte wieder mit seiner Psyche zu tun. Für die Historiker sind Zweigs Biographien nicht akzeptabel, es seien nicht etwa wissenschaftliche Arbeiten, sondern künstlerische Visionen. Ganz anders konnte Zweig Figuren behandeln, die er erfunden hat - also die Helden seiner Romane und vor allem der Novellen. Über seine epischen Arbeiten werde ich demnächst schreiben. Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.10.2008, Nr. 43 / Seite 31 |